Sie

•27. März 2009 • Kommentar schreiben

Heute hat mich einer der so oft kritisierten öffentlich-rechtlichen Popsender mal überrascht – mit einem Lied, das ich schon sehr sehr lange nicht gehört habe.

Es muß weit in den 90ern gewesen sein, auf jeden Fall in einer Zeit, in der ich glücklich war. Sie sitzt in dem roten Sessel in meinem Zimmer, und wir hören zusammen „Sprünge“ an. Oder nein, ich sitze selbst in dem Sessel, bin allein, denke an sie und höre dabei „Sprünge“ an. Dieses ambivalente Bild habe ich mir über die Jahre bewahrt, doch den einen Song hatte ich vergessen.

Umso heftiger erschüttert er mich, und ich muß auf der Schnellstraße rechts ranfahren, denn mit nassen Augen fahre ich nicht gern. Ich schluchze fluchend und gebe es auf, rechtzeitig im SfS zu sein. Noch jetzt friere ich.

Ich höre auf. Ich kann nicht mehr. Mein Denken frißt mich auf.

sie

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Zuviel

•15. März 2009 • Kommentar schreiben

„Ich … Es war einfach zuviel. Es mußte so kommen, es ging gar nicht anders. Es war zuviel.“

- Zuviel für wen?

„Für mich! Es war zuviel für mich! Ich konnte nicht mehr damit umgehen. Es ging nicht mehr. Es ging nicht anders.“

- Was war zuviel? Wovon war es zuviel für Sie?

„Wovon? Ich weiß nicht. Das kann man so eigentlich gar nicht sagen.“

- Oder war es zuviel von jemandem?

„Ja. Ja, natürlich. Es war zuviel für mich. Von ihr. Ich habe das nicht mehr ausgehalten so.“

- Sie meinen Ihre Lebensgenossin?

„Sie wurde mir vor etwa einem halben Jahr zugewiesen.“

- Wurde sie Ihnen zuviel?

„Nicht nur sie. Alle. Alle sind mir zuviel geworden.“

- Wer wurde Ihnen zuviel?

„Alle in unserem Sektor. Ich habe das einfach nicht mehr ausgehalten.“

- Sie hatten wegen Ihrer Arbeit kaum persönlichen Kontakt zu irgendjemandem.

„Aber sie waren doch alle im Kommunikator verzeichnet! Ich konnte ständig sehen, wer wann welchen Status hatte. Und ich habe doch ständig mit ihnen kommuniziert.“

- Was hat Sie daran gestört?

„Es hat mich krank gemacht. Ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Ich habe ständig nur noch auf meinen Kommunikator geschaut. Dabei bin ich süchtig geworden nach Kommunikation.“

- Was haben Sie dann unternommen?

„Ich habe meinen Kommunikator ausgeschaltet.“

- Würden Sie diese Aussage bitte wiederholen? Beachten Sie, dass alles protokolliert wird.

„Ja, ich weiß. Ich habe es getan. Ich habe meinen Kommunikator ausgeschaltet.“

- War Ihnen nicht bewußt, daß wir das sehr schnell bemerken würden?

„Ich bin süchtig geworden. Ständig wollte ich mit den anderen in Verbindung treten. Aber ich konnte nicht mehr. Es wurde mir zuviel. Es machte mich krank.“

- Unsere Gesellschaft beruht auf Kommunikation. Das ist ihr Kernzweck.

„Ja, natürlich. Das habe ich schon als kleiner Junge in der Schule gelernt. Kommunikation ist alles.“

- Vertreten Sie eine abweichende Meinung?

„Damals hatte unsere Gesellschaft Angst vor der sich ausbreitenden Vereinsamung. Deswegen gab es ja auch die Revolte. Aber ich wurde krank. Ich hatte das Gefühl verloren, noch ein echtes Leben zu leben. Alles schien sich nur noch in meinem Kommunikator abzuspielen. Erst dadurch wurde ich einsam. Es wurde mir zuviel.“

- Es wurde zuviel Kommunikation für Sie?

„Ja. Da habe ich meinen Kommunikator ausgeschaltet.“

- Dann bekennen Sie sich also schuldig?

Farbenblind

•10. März 2009 • Kommentar schreiben

Es war Dezember, und es passierte völlig unerwartet. Ich stand auf und entdeckte, dass die Welt über nacht jegliche Farbe verloren hatte. Ich blickte aus dem Fenster, und das Gras, das gestern noch in einem fahlbraunen Hellgrün vor mir gelegen hatte, war nur noch grau. Mein Auto vorne an der Straße: grau. Auch die Dachziegel des Nachbarhauses; und viel weiter konnte ich wegen des Nebels gar nicht schauen. Wenngleich ich auch nicht beunruhigt war – schob ich das Phänomen doch auf auf eine wetterbedingte optische Täuschung – wurde ich im Verlauf des Tages eines Besseren belehrt.

Erste Hinweise darauf, dass die Verwandlung nicht das Außen, sondern mein Inneres betraf, fanden sich noch in jenen Minuten in meiner Wohnung: War der morgendliche Milchkaffee seit jeher von einem tiefwarmen Braun gesäumt, so bestand er heute aus reinschwarzem Kaffee und, in strikter Trennung davon, einheitsweißer Milch. Die alten Fotos an meinen Wänden gaben ausschließlich Grautöne wieder, und meine Kleider, am Vorabend achtlos neben das Bett geworfen, teilten sich die unterschiedlichen Schattierungen von Schwarz.

Irritiert verließ ich die Wohnung, warum, ich weiß nicht, und fuhr los, wohin, ich weiß nicht. Die Bremslichter vor mir waren einfach hell, auch Stoppschilder und Ampeln ließen ihr warnendes Rot vermissen.

Erschütternde Gewissheit jedoch erlangte ich erst in dem Augenblick, als ich, glücklich angekommen, in deine grauen Augen blickte. Ich war farbenblind geworden. Ich starrte und starrte und erstaunte mich über eine unermessliche Fülle an Details in deiner Iris. Schattierungen und Zeichnungen, die ich noch nie wahrgenommen hatte.

Während meine Augen keine Farben mehr aufzunehmen vermochten, schenkten sie mir doch in der einen ihnen verbliebenen Dimension, zwischen den beiden Polen Schwarz und Weiß, ein so immenses Maß Genauigkeit und Schärfe, dass ich fast glauben mochte, noch nie so viel in einem einzigen Augenblick gesehen zu haben. Etwa so wie viele Fotografen unter Verzicht auf jegliche Farbigkeit das betrachtende Auge auf die feinen Strukturen und die kleinen unauffälligen Dinge lenken.

Dieser Zustand hielt etwa eine Woche lang an. Dann erschienen die Farben nach und nach wieder. Doch sie erschienen anders, als ich sie gekannt hatte; sie hatten ihre Plätze getauscht. Gras war nicht mehr grün, die Dächer nicht mehr orange, alles hatte sich verändert. Doch ich gewöhnte mich an die neuen Eindrücke und verwende heute wieder dieselben Namen wie damals: ich bezeichne die Stoppschilder wieder mit „rot“ und Milchkaffee wieder mit „braun“. Nur wenn ich dich heute ansehe, deine roten Haare und die grünen Augen, dann wird mir klar, dass ich erst mit dieser Genesung wirklich erblindet bin.

Du erkennst mich nicht wieder

•4. März 2009 • Kommentar schreiben
  • Das ist der schlimmste Teil meines Tages: von dir zu gehen.
  • Du wirst dich dran gewöhnen.
  • Ich habe mich fünf Jahre lang nicht dran gewöhnt. Nein, ich werde mich nicht dran gewöhnen. Ich will mich gar nicht dran gewöhnen.
  • Dann wiederholt sich die Geschichte eben ewig.
  • Welche Geschichte meinst du?
  • Damals, da bist du doch auch gegangen.
  • Ja, ich bin damals gegangen. Nachdem du mich verlassen hattest.
  • Es war besser so, glaub mir.
  • Nein. Mir fällt es schwer, dir überhaupt etwas zu glauben. Ich erkenn dich nicht wieder.
  • Du erkennst mich nicht wieder.
  • Ich erkenn dich nicht wieder. Wer bist du?
  • Sie dich selbst an. Wärst du heute der, der du bist? Wenn nicht damals alles so gelaufen wäre?
  • Du weißt nicht, wer ich bin.
  • Doch. Ich kenne dich.
  • Aber du erkennst mich nicht wieder.
  • Wer glaubst du denn zu sein?
  • Sieh mich an, zwei Tage lang, dann weißt du es.
  • Wieso zwei Tage lang?
  • Weil ich zwei Gesichter habe. Du brauchst zwei Tage, um mich zu erkennen.
  • Und was für ein Tag ist heute?
  • Gar keiner. Heute gibt es nicht. Wir sprechen nicht miteinander. Es ist Nacht.

Eher so mittig

•3. März 2009 • Kommentar schreiben

Nein, einsam bin ich nicht. Ich fühle mich nur oft so allein.

Traurig? Auch nicht. Mir ist nur täglich zum weinen zumute.

Mir geht es gut. Auch wenn mir alles weh tut.

Ich hege diesen Groll gegen sie, manchmal sogar Haß, und doch kann ich nicht ohne sie sein. Ich versuche ständig, sie in meiner Nähe zu haben.

Was ist mit mir los? Liegt die Wahrheit mal wieder dazwischen? Nein, nicht dazwischen, eher so mittig. -

Haiku

•25. Februar 2009 • Kommentar schreiben

Indischer Sommer

Die Augen grün – rot ihr Haar

Und ich? Farbenblind

Ankommen. Verweilen. Weitermachen.

•25. Februar 2009 • 1 Kommentar

Immer wieder fühle ich mich dazu verleitet, Hesse zu zitieren. Ich lasse es. Obwohl mir der Vers mit dem Anfang und der Heimat und dem Verlassen immer wieder mal durch den Sinn geht.

Erst vor wenigen Tagen habe ich jemanden getroffen, der seit 15 Jahren jeden Sonntag im gleichen Cafe in derselben Runde frühstückt. Immer um 11. Mir macht die Vorstellung angst, ich könnte irgendetwas, völlig egal was, irgendwann einmal seit 15 Jahren immer genau gleich machen. Jeden Samstag das Auto putzen. Jeden Mittwoch zum Blablubs-Verein gehen. Jeden Juni ins gleiche Hotel im Allgäu fahren. Allerdings bin ich kaum gefährdet. Schon mein Vorsatz, jede Woche wenigstens Titel und Dossier der Zeit zu lesen (es muß nicht einmal ein bestimmter Tag sein), scheitert in der Hälfte der Fälle.

Also beziehe ich jetzt mal Stellung: Ankommen ist nicht. Stehenbleiben nur für den Augenblick. Es geht immer weiter früher oder später. Das alles ist gut so.

Und jetzt war es doch wieder fast Hesse.

Colours of communication

•15. Februar 2009 • Kommentar schreiben

Grau-grün sind ihre Augen, rot ihr Haar. Seltsam, daß sich genau zwischen diesen Farbpolen auch unsere Kommunikation abspielt. Grau ist die Einsamkeit, grün die Nähe, und rot … ja, rot ist dieser Zustand, den ich gut kenne, wenn ich voller Erwartungen stecke, Optimist ich, obwohl sich diese Erwartungen doch schon immer in nichts aufgelöst haben, ein Herzklopfen mit programmierter Enttäuschung.

Mein Bildschirm zeigt neben ihrem Namen ein grünes Auge. Das reicht mir, das ist alles, was ich erwarten kann. In ein, zwei Stunden kippt es plötzlich ins Graue, ohne Vorwarnung, versagt mir die letzte Chance, und dann ist sie wieder hier, die Einsamkeit.

Kann ich das überhaupt Kommunikation nennen? Nun, sie ist mir jeden Tag eine Weile lang nah. Was sollte ich mehr wollen?

Der Zwischenstopp, Teil 2

•12. Februar 2009 • Kommentar schreiben

Ich bekam nun doch Hunger von den Donuts. Über dem Spiegel hing die Tafel, die als Tagesessen Chili con Carne anpries. Nicht gerade mein Leibgericht.

Im Spiegel, etwas seitwärts, durch die Fenster hindurch, konnte ich mein Auto sehen, das ich mit dem Kühlergrill zur Glasfassade des Restaurants geparkt hatte, neben der Stelle, an der die Busse abfahren. Gerade ging ein Mann an meinem Auto vorbei, verschwand aus meinem Blickwinkel und trat kurz darauf durch die Eingangstür. Er setzte sich an einen der kleinen quadratischen Tische am Fenster, direkt vor mein Auto, so dass ich ihn weiterhin sehen konnte. Jetzt beugte er sich vor und fing an zu reden. Da erst bemerkte ich, dass ihm gegenüber am Tisch eine junge Frau saß, klein und zierlich. Sie war bleich, es schien ihr nicht gut zu gehen, und er redete beruhigend auf sie ein. Ich konnte ihn verstehen, obwohl er leise sprach.

„Hier wird man uns nicht finden können“, und „es ist gar nicht mal schwer, sich unsichtbar zu machen.“ Die Frau begann zu zittern, und er legte seine Hände auf die ihren, sprach weiter mit einer unglaublich zärtlichen Stimme, dass ich ein Kribbeln auf dem Rücken spürte. Sie war den Tränen nahe. Wer sind die beiden, fragt ich mich, wo kommen sie her, was haben sie erlebt, wovor rennen sie weg? Plötzlich musste ich weinen, unvermittelt. Ich suchte nach der Serviette, aber die war ja nass vom Kaffee. Also schloss ich die Augen und versuchte einfach so zu tun, als wäre nichts. Es war ja auch nichts, ich hatte absolut keinen Grund zu weinen.

Als ich die Augen wieder öffnete, hatten die beiden gerade das Restaurant verlassen, und ich sah sie an meinem Auto vorbeigehen. Sie steuerten auf den Bus zu, der an die Haltestelle gefahren war. Ich konnte das Schild oben am Bus nicht lesen, ich sah nur die beiden, die Hand in Hand hinübergingen. Dabei fiel mir auf, dass sie sich beim Gehen in die Augen sahen. Sie stiegen als letzte ein, und der Bus fuhr los.

Mein Blick folgte den roten Lichtern, solange es ging, schweifte dann wieder zurück an den jetzt leeren Tisch, und blieb schließlich an meinem Auto hängen. Durch die Windschutzscheibe konnte ich den großen Koffer auf der Rückbank liegen sehen.

Phonological rule

•10. Februar 2009 • Kommentar schreiben

♡ → [+tense] / _ # her₁ [-proximal]